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Das Behältnis des Bösen
Aufbruch
Ich rannte. Rannte um mein Leben, gehetzt von Dämonen die ich nicht sah, doch tief in meinem Innern spürte. Ich wusste, dass Ihre Augen auf mich gerichtet waren, dass ihre Nasen meinen Geruch aufgenommen hatten, das ihr Instinkt und ihre Blutgier sie voran trieben. Eisige Kälte umfing mich, schnürte mir die Kehle zu, jeder Atemzug brannte in meinen Lungen. Meine Füsse stolperten über den Morast des Sumpfes, Wasser spritzte an meinen Beinen hoch, durchtränkte meine Kleidung. Es regnete in Strömen, Blitze machten die Nacht zum Tag. Und sie kamen unaufhaltsam näher, mit jedem Donnerschlag, mit jedem Blitz der am Himmel zuckte, die Welt um mich herum in Grautöne tauchte. Und ich rannte immer weiter...
Glas schepperte, als das Fenster aufflog und mit lautem Krachen gegen die Wand knallte. Ich schrak hoch, entsetzt, schaute mich um. Meine Hand lag schon auf dem Schwert und ich sah nach draussen in die Dunkelheit. Eine endlos lange Zeit, so schien mir, fixierte ich den unsichtbaren Feind im Regen - und dann war plötzlich alles wieder normal, bis auf das offene, aber Gott sei Dank nicht zerstörte Fenster, das immer wieder an die Wand schlug, die Vorhänge, die langsam vom Regen durchtränkt wurden und wild vom Wind durcheinander flatterten. Mit einen Ruck erhob ich mich, liess den Schwertgriff los und ging die kurze Strecke vom Bett zum Fenster, welches ich nach einem kleinen Kampf mit den Vorhängen wirklich schliessen und verriegeln konnte. Der Preis war lediglich, das ich nun eine phantastische Miss Wet-T-Shirt abgegeben hätte. Fröstelnd starrte ich in ein paar graugrüne Augen, die mich aus meinem Spiegelbild im Glas heraus zu verhöhnen schienen. Ein Traum, Morgayne. Es war nur ein Traum, und nun stehst du hier und stellst dich an wie ein Kind, dem man einen Spukgeschichte auftischt. Mich fror nun wirklich, ich wandte mich um, drehte das lange, schwarze Haar zusammen und steckte es auf die schnelle fest. So recht gelang es mir nicht, und es lösten sich immer wieder Strähnen, doch ich beschloss das Provisorium nachher zu richten. Danach streifte ich mein Gewand ab und suchte mir etwas Trockeneres zum anziehen.
Nachdem ich eine Lederhose und Tunic übergeworfen, und mir meinen Lieblings Mantel übergestreift hatte, ging durch den Korridor des Towers nach unten in die Küche, schlafen konnte ich nach diesem "Erlebnis" eh nicht mehr. Es schien mir kälter als sonst, doch das geht wahrscheinlich jedem so, der aus seinem warmen Bett gerissen wird. Die Illusion eines "es war nicht immer so" bleibt gerne erhalten. Einbildung! schalt ich mich selbst. Du wirst alt... schmunzelnd griff ich mir einen Stuhl und liess ich mich am Kamin nieder, schöpfte etwas Wasser aus dem Kessel über dem schon brennenden Feuer und warf ein kleines Leinensäckchen, in dem sich ein paar erlesene Kräuter befanden, hinein. Der alte Jacques, sein dunkles Haar durchzogen von grauen Strähnen, mein Koch, Haus-, Hofmeister und getreuer Freund, war schon auf, was bedeutete, dass es gar nicht so früh am Morgen war, wie mir schien. Während ich den Beutel aus dem Wasser lüpfte und in Gedanken versunken ins Feuer starrte, gewahrte ich auch schon Schritte hinter mir.
"Ihr seid schon auf, My Lady?" fragte er mich mir leiser Stimme. Ich nickte und nippte vorsichtig an meinem Krug, der Tee war gerade recht, das ich mir nicht die Zunge verbrannte.
"Das Übliche?" fragte er weiter. Sicher, da er die Antwort bereits kannte, nickte ich erneut. Wir schwiegen eine Weile, er trug die Schüssel mit Obst, Mehl und Eiern, die er für das Frühstück aus den kühleren Lagerräumen geholte hatte, zum Tisch und begann den Teig für das Brot vorzubereiten.
"Es ist immer das gleiche, Jacques. Jedesmal in einer Nacht wie dieser, jedesmal bei Vollmond und in den Tagen davor..." Er hielt kurz inne, strich sich über den dichten, grauschwarzen Bart und schaute eine Weile zu mir, legte dann weiter seine Zutaten zurecht.
"Ihr habt Eurem Meister noch nichts darüber berichtet, nicht wahr?" fragte er, mehr zu dem Teig redend, der langsam Form annahm.
"Nein.. Was sollte ich bislang dem Meister auch berichten? Das seine Schülerin neuerdings Alpträume hat? Aber sie kehren nun immer wieder... werden detaillierter... länger... und es scheint mir authentischer..." ich wand den Blick ab und starrte wieder ins Feuer, zweifelnd an meinen eigenen Worten, die mich nachdenklich stimmten. Bevor er jedoch antworten konnte, sprach ich leise:
"Aber du hast recht. Mittlerweile ist es zu häufig, als das es nur ein Alptraum einer stürmischen Nacht sein kann. Vielleicht ist die Zeit angebrochen, wie es die alten Bücher prophezeien." Ich nahm den letzten Schluck Tee und stellte den leeren Krug beiseite, stand mit einem Ruck auf und wandte mich zur Tür.
"Ich reite zu ihm" sagte ich mehr zu mir selbst als zu Jacques.
"Und sagt meiner Schwester, dass ich 'gen späten Nachmittag wieder hier sein werde." Er blickte mir nach als ich ging, schüttelte den Kopf und meinte schlicht "Gewiss, My Lady"
Der Regen hatte nach einiger Zeit nachgelassen, als ich auf dem Rücken meines schwarzen Rosses Sethak los ritt. Der schwere Ledermantel hatte mich gut vor der alles aufweichenden Nässe geschützt und die Kälte ferngehalten. In Minoc war noch nicht viel vom morgendlichen Treiben zu spüren, die Stadt schien recht verschlafen und verwaist. Fast schon durch die Stadt hindurch, kehrte ich noch kurz im Survival Shop ein, um meinen Proviant aufzustocken. Aufgrund meiner mehr oder minder überstürzten Abreise hatte ich natürlich prompt vergessen, etwas Wegzehrung für Sethak einzupacken, der dies nur mit unleidlichen Schnauben quittierte. Dem musste ich natürlich abhelfen. Der Eigner des Geschäftes war ein bärtiger, etwas untersetzter Mann Ende Fünfzig, der mich nun, noch etwas verschlafen, mit einer gewissen Neugier beäugte, da ich doch in seinen Augen sehr früh unterwegs war. Die Menschen waren hier eher Handwerker, Schmiede und Zimmersleute gewohnt, weniger Magier, ausser sie wollten sie um die hart erarbeiteten Güter mit einem gezielten Corp Por erleichtern.
"Schon so früh unterwegs, und dann so alleine, My Lady?" riss er mich aus meinen Gedanken, und ich fragte mich wo ich diesen Satz heute schon einmal gehört hatte. Das wüsstest Du nun gerne, was? schoss es mir durch den Kopf, doch ich gab ein freundliches
"Frühaufsteher, altes Kriegsleiden" zurück, worauf er mich etwas verwirrt ansah.
"Ich hätte hier wahrscheinlich noch das ein oder andere Gut, das Euch auf einer weiten Reise, so es eine ist, dienlich sein könnte..." innerlich stöhnte ich auf, aber der gute Mann wollte ja nur, zum Ersten, seine Neugierde befriedigen, und zum Zweiten, etwas Gold verdienen.
"Bei dem was ich bislang entbehrte, habt Ihr mir nun vorzüglich geholfen." gab ich zurück.
"Das freut mich, My Lady. Nur kann es doch in der Eile leicht geschehen, das man etwas übersieht, und vier Augen sehen bekanntlich besser als zwei..." sagte er und sah mich erwartungsvoll an. Alter Raffgeier dachte ich und spielte mit dem Gedanken, einen Keuschheitsgürtel zu verlangen und ihm etwas von einer unzüchtigen Reise 'gen Süden zu erzählen, um meiner Wollust zu frönen - aber das konnte ich ihm nicht antun, nicht das er mich dann begleiten wollte.. oder gar das ich ins Detail gehe! Man stelle sich vor!
"Ich danke Euch, werter Herr, und komme gerne auf das Angebot zurück - das nächste mal. Fare thee well" verabschiedete ich mich mit dem besten Lächeln, das mir zu so früher Morgenstunde möglich war, und schritt nach draussen.
Nach dieser morgendlichen Lektion in Sachen Small-Talk-wie-ist-das-Wetter, ah-ja-kalt-und-nass, und mit einem Lächeln unterstrichener das-geht-dich-nichts-an-wohin-ich-reite Höflichkeit schlug ich nun den Weg über die Hügel des Landes Richtung Yew ein. Genauer gesagt, in Richtung des Dungeons Despise und des Chaos Shrines. Das Land um mich herum verschwand im Nebel, die aufgehende Sonne schien nicht die Kraft oder den Willen zu haben, durch die Wolken zu dringen. Die Sicht war dem entsprechend nicht gerade berauschend, und so war es nicht ersichtlich, wo der Horizont nun wahrhaftig lag. Etwas ausserhalb der Stadt kramte ich meine Rune heraus, auf der ich mir, in Fällen akuter Bequemlichkeit, die Stelle genau vor dem Portal zum Eingang der Stadt der Magier markiert hatte. Was musste das gottverdammte (ich weiss, ich soll nicht lästern, aber es hörte ja keiner) Portal auch nur mitten im Berg sein. Es birgt eine gewisse Sicherheit, doch fand ich es bisweilen, gelinde ausgedrückt, zum Kotzen das es keinen einfacheren Weg gab. Endlich fündig geworden, sprach ich nun die Worte Kal Ort Por auf die Rune, und befand mich augenblicklich an gewünschter Stelle. An der nordöstlichen Wand befand sich ein grosses, zweigeteiltes Tor aus schwarzem Holz, welches mit kupferfarbenem Eisen beschlagen war, flankiert von zwei schneeweissen, marmornen Säulen und verziert mit einem Drachenkopf als Türklopfer. Ich stieg ich ab und näherte mich langsam, die magischen Worten der Alten sprechend, dem Tor:
"Artuk, ar-jen, emed dhir, an-oyen ad oreghir, en-oyeno ad horagh horay" (Wächter, öffne mir, dem Schüler der alten Lehren und Diener des ältesten der Alten). Die Augen des Drachenkopfes glühten dunkelrot auf, der Blick aus seinen brennenden, irislosen Augen betrachtete mich
"Qhuo esa khji?" raunte eine durchdringende, rauhe Stimme in meinem Hirn (Wer verlangt Einlass?).
"Sathai Morgause" antwortete ich (mein Name in der Alten Sprache lautete Morgause, heute werde ich als Morgayne Talon tituliert). Es folgte eine kurze Stille, gefolgt von einem "Emed adhir endaloth, sathai", was soviel wie "tretet ein und seid willkommen" bedeutete. Ein kaum merkliches Flirren bildete sich in der Luft, bleich wirkend im umliegenden Nebel, die Pforten schimmerten glasig und leicht durchsichtig, als wäre sie nicht wirklich existent. Ich stieg wieder auf und Sethak trottete, wie gewohnt, unbeeindruckt durch das Portal.
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