ollenspiel

Essay by Alrik Ploetzbogen - Platz 1 der UOB-SE-Verlosung

 

Der alte Mann fordert Dich mit einer knappen Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Dann beginnt er mit leicht schnarrender Stimme zu reden.

 

Wie kannst Du spielend eine Rolle spielen? Das willst Du wirklich von mir wissen?

 

Er sieht Dich lange und ein bisschen zweifelnd an.

 

Aber Du bist hier an der richtigen Stelle. Ich habe so viele Rollen gespielt. Gute wie Böse, Starke und Schwache, Helden und Schurken, Männer, Frauen und Kinder.

 

Er blickt in Deine Augen.

 

So, so, Du hast also genug von Skills und Stats, von immer den gleichen Ritualen des Monster-Jagens, des Ressourcen-Sammelns oder der Faction Kämpfe. Deine GMs hast Du alle gemacht. Die Welt hat sich dadurch auch nicht geändert, aber ein paar Ziele sind Dir weggefallen. Und die wievielte Erweiterungsbox hast Du Dir schon gekauft? Du fragst Dich, ob da nicht noch mehr ist. Noch etwas viel tiefer Verwurzeltes in dieser wunderbaren Welt Ultima, in die Du wieder und wieder eintauchst.

 

Und Dein Gefühl trügt Dich nicht, denn dort draußen warten noch viele spannende Abenteuer. Unberechenbare Abenteuer. Und es liegt nur an Dir, ob Du sie als Bettler, als Handwerker, Händler, Soldatin, als Gelehrter, Fürstin ... als Mensch, Elf, Drow, Ork, Vampir oder als was auch immer erleben willst. Mit anderen Spielern, die ebensoviel Begeisterung für das Spiel der Rollen fühlen wie Du.

 

Aber Du fragst Dich, was alles dazu gehört. Was ist wichtig, damit Du und die, mit denen Du spielst, Spaß an Deiner Rolle haben? Es gäbe da so vieles zu erzählen. Aber eigentlich sind es nur drei Dinge wichtig.

 

Erstens. Sei nicht Du selbst!

Ja ich weiß, Du bist ein aufgeklärter Mensch des 21 Jahrhunderts, liebst die Demokratie und Meinungsfreiheit und hasst den Krieg. Man kann Dir nichts vormachen. Alles kann wissenschaftlich erklärt werden. Du magst dieses und jenes aus der modernen Welt. Das eine lehnst Du ab und das andere würdest Du nie tun. Vergiss das alles. In Deiner Rolle bist Du ein gänzlich anderer oder eine andere. Du bist ein Soldat der Königin? Dann siehst Du die Königin in ihrer gottgegebenen Macht. Sie hat den Anspruch, über das Land und auch über Dein Leben zu bestimmen. Da gibt es keine unloyalen Widerworte. Und die Feinde werden mit gerechtem Krieg überzogen. So war es und so wird es immer sein.

Du bist die Königin? Dann zeige Deinem Volk, was eine richtige absolutistische Herrscherin ist! Unfehlbar aber weise und gerecht. Doch auch ohne Gnade für ihre Feinde und alle, die es wagen, Dir Widerworte geben. Du hast einen Fehler gemacht? Kann nicht sein, Du bist die Königin!

Du musst Dich in Deine Rolle hineinversetzen, um den Geruch des 21 Jahrhunderts abzustreifen. Überlege Dir, wie Dein Charakter das geworden ist, was er ist. Das kann Dir helfen, zu verstehen, wie sein Weltbild ist, wie er denken und handeln wird. Du kannst Dinge tun, die Dir im wahren Leben zu riskant, zu bösartig oder zu edel vorkommen. Sei ein anderer. Ja, es kostet Überwindung und Mut, aber Du wirst die Freiheit spüren, für eine Weile nicht mehr Du selbst gewesen zu sein.

 

 

 

Zweitens. Lerne zu verlieren!

Ahhh, Du verlierst nicht gerne? Verständlich, wer tut das schon. Und trotzdem kann eine Welt mit unfehlbaren Helden und ewigen Gewinnern nicht spannend sein. - Jemand hat eine Intrige gegen Dich am Hof des Fürsten erfolgreich angezettelt und Dich bloßgestellt? - Der Fremde wollte Dir doch nur den Eingang zu einem geheimen Stollen zeigen. Eine raffiniert ausgetüftelte Falle und Du bist mitten hinein gelaufen? - Ein scharfer Ritt durch den Wald und plötzlich umringen Dich ein Dutzend Orks? - Du bist am verlieren! Also was tun? Einfach weg recallen oder die Übermacht wissend Deiner Unsterblichkeit angreifen? Du bist der beste pvp Spieler weit und breit? Guter Ping und gute Makros. Dann wirst Du Dich sicher durchschlagen. Oder den Messanger, IRC, ICQ anwerfen und die anderen Spieler überzeugen, dass das so gar nicht sein kann, weil Du doch eigentlich ... und überhaupt. Es ist einfach nicht fair!

Das alles kannst Du ganz einfach machen. Vielleicht bist Du sogar erfolgreich. Du verlierst halt nicht gerne. Aber Du willst doch, dass Dich die anderen Spieler achten und gerne wieder mit Deinen Charakteren spielen? Dann lerne zu verlieren. Hat sich wirklich jemand Mühe gemacht und Dir eine raffinierte Falle gestellt, in die Du hineintappst, dann belohne ihn dafür, in dem Du verlierst. Verliere mit Anstand und spiele in Deiner Niederlage, so gut Du kannst. Ein bisschen Theatralik schadet gar nichts. Im Nachhinein wirst Du erkennen, wie einmalig unterhaltsam das sein kann. Und die anderen Spieler werden Dich als jemanden schätzen, der in jeder Lage seine Rolle spielt. Als jemanden, mit dem man wieder spielen wird und Spaß hat. Selbst wenn es beim nächsten Mal umgekehrt ist.

 

Drittens. Der Schein, zu sein!

Die spielst ein junges Mädchen von 18 Jahren? Oder einen alten Druiden von 90 Jahren? Eine Waldelfe? Ein Stadtgardist auf Wache? Ein Handwerker? Dann zieh die passenden Kleider an. Öffne Deine Paperdoll und beschreibe dort das Erscheinungsbild Deines Charakters. Sein Gesicht, seine Augen. Wie bewegt er sich? Hat er besondere Kennzeichen? Narben, die das Leben schlug? Nein, das gebrochene Herz kann man nicht sehen. Aber sehr wohl die Säbelnarbe über dem rechten Auge, die damals der untote Ritter schlug. Führt der Charakter besondere sichtbare Gegenstände mit sich? Der Koffer eines Medicus. Das Werkzeug des Kesselflickers. Der unheimliche summende Stab einer Necromantin. Das leuchtende Amulett des Paladins, dessen Glanz jedem Vampir in den Augen weh tut.

Hmmm ... ein gebrochenes Herz kann man nicht sehen, sagte ich. Aber man kann es fühlen. Nutze die Emotes *hat ein fröhliches Glitzern in den Augen*. Lasse Deinen Gefühlen freien Lauf *wischt sich eine Träne aus dem Auge*. Spiele das gerade überstandene harte Gefecht weiter *humpelt blutend zu der Quelle, vor Schmerz schnaufend*. Mach Deinen Charakter unsympathisch *fängt eine Motte aus der Luft und zerreibt sie zu einem dunklen Ball zwischen seinen Fingern*. Und passe die Sprache Deinem Charakter an. D..Du kannst ruhig st..stottern, wenn D..D..Du aufgeregt oder unsicher oder noch jung bist. Sprich mit der verschachtelten Erhabenheit des alten Gelehrten. So wie ich es just hier tue, um mit Dir, junger Lehrling, im Disput die Grundlagen des gehobenen Rollenspiels zu erörtern. Fluche, wenn es zu Deiner verdammten Rolle eines stinkenden übel gelaunten Hundesohns von einem Halsabschneider passt. Du bist ein Seemann, dann brülle ein Lied „Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste YE HOO YE ... und eine Buddel voll RUM!!!!!“ Hauptsache laut. Du bist ein schlaulich Ork, dann verlange „Tittihummis un’ Glitzer“ als Tribut von den Fremden für die Reise durch den Wald Deines Stammes.

 

Wenn Du diese drei Dinge beachtest, hast Du das wesentliche bereits gelernt. Der Rest liegt jetzt nur an Dir. Geh, zieh los und spiele, aber denk noch an ein altes Sprichwort: Es gibt drei Wege, klug zu handeln. Der erste heißt Nachdenken. Er ist der edelste. Der zweite heißt Nachahmen. Er ist der einfachste. Der dritte heißt Erfahrung. Er ... ist der bitterste.

 

Als Du schon einige Schritte gegangen bist, ruft der Alte Dir noch etwas hinterher.

 

Und komm zurück. Und bring Geschichten mit von dem, was Du erlebt hast.

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